Denkpause

Dez 20, 2014
Torsten

Da saß ich nun. Alleine. Im Auto. Draußen brannte die Sonne, drinnen rauchte der Kopf. Rastlos wanderten die Augen in der Gegend umher, verließen die schnurgerade Straße in alle Richtungen. Doch da war nichts. Nur trockener Boden und einige Sträucher. Stundenlang das gleiche Bild. Abwechslung bot höchstens Mal der Anblick eines toten Kängurus am Wegesrand.

Wer an der Westküste alleine reist, hat viel Zeit, seine Gedanken zu sortieren.

Wer an der Westküste alleine reist, hat viel Zeit, seine Gedanken zu sortieren.

Die ersten Tage an der australischen Westküste waren nicht von innerer Ruhe geprägt. Im Gegenteil. Nach einer aufregenden Zeit in Afrika war mein Unterbewusstsein auf Abenteuer eingestellt. Es war ein harter Aufschlag für mich. Voller Tatendrang „ruderte“ ich Felsen entgegen, die es aber gar nicht gab. Vielmehr schipperte ich auf ein offenes Meer hinaus, dessen Wellen mir durch das Alleinsein noch höher vorkamen. Nach drei Wochen der gemeinsamen Reiserei mit Martin fehlte da jemand auf dem Beifahrersitz. Die Gedanken schienen in einer Schleife festzustecken und die Phantasie „malte“ merkwürdige Bilder.

Eine simple Erkenntnis änderte meinen Gemütszustand schlagartig. Unvermittelt wurde mir bewusst, dass die Herausforderungen der 3. Reiseetappe nicht in der Landschaft, sondern in meinem Kopf zu suchen waren. Vielleicht waren eben genau das – der Umgang mit dem Alleinsein und der Abgeschiedenheit – die „Felsen“ der aktuellen Station?

Ich versuchte, intensiv auf meinen eigenen Körper zu hören. Jeden Tag ging ich entweder joggen oder trainierte Kraft und Koordination. Dazu lauschte ich stundenlang psychologischen und philosophischen Hörbüchern, zum Beispiel von Marshall B. Rosenberg („Gewaltfreie Kommunikation“) und Paul Watzlawick („Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“, „Anleitung zum Unglücklichsein“). Zweifelsfrei habe ich nun weder die Fähigkeiten eines kenianischen Spitzenläufers erlangt, noch die geistige Reife eines Weisen erreicht. Aber im Bezug auf meine innere Ruhe habe ich ein neues Level erreicht.

Derart geistig „erfrischt“ konnte ich dann auch die Schönheiten der Westküste genießen, etwa traumhafte Strände, malerische Sonnenuntergänge, bizarre Wolkenformationen und die faszinierenden Farbenspiele des Wassers. In Erinnerung bleiben werden mir allerdings auch die hohen Preise, die große Hitze – maximal schwitzte ich bei 46°C – und die gewaltigen Entfernungen. Der Bundesstaat Westaustralien umfasst eine Fläche von rund 2,5 Millionen Quadratkilometern und ist damit rund siebenmal größer als Deutschland. Anders ausgedrückt: Man könnte die Staatsflächen von Deutschland, Namibia und Südafrika addieren und käme immer noch nicht auf die Größe Westaustraliens. In Anbetracht dieser gigantischen Zahlen verwundert es auch nicht, dass die Wege lang sind. In zwei Wochen habe ich mich rund 4500 Kilometer fortbewegt und längst nicht alles gesehen (siehe Karte). Ich investierte rund 600 Euro in Benzin und verbrachte etliche Stunden im Auto.

Meine Tour im westlichen Teil Australiens ist grün dargestellt.

Meine Tour im westlichen Teil Australiens ist grün dargestellt.

Und da saß ich nun wieder. Alleine. In Katie. Erneut brannte draußen die Sonne, aber diesmal rauchte drinnen kein Kopf. Knapp zwei Wochen nach dem unruhigen Auftakt hatte sich das Bild verändert. Auf einmal erkannte ich Details, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Und manchmal lauschte ich einfach nur den „Worten“ Katies – dem Pfeifen des Windes an der Frontscheibe.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass eine kleine Korrektur der Denkrichtung Wunder bewirken kann. Daran knüpft sich die Hoffnung, dass ich diese Erfahrung „mitnehme“. Nicht nur auf die weitere Reise, sondern auch später in die Heimat.

Eine ausführliche Fotostrecke folgt in Kürze im Rahmen des Beitrags: „Bilder aus Australien, Teil I“.

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