Luftiges Abenteuer: Die Besteigung der Spitzkoppe

Nov 06, 2014
Torsten
Die große Spitzkoppe.

Die große Spitzkoppe.

Wie der Eckzahn eines Raubtieres ragt sie in den Himmel empor, bereits aus 100 Kilometern Entfernung hebt sich die markante Form deutlich von der Umgebung ab. Die Spitzkoppe und das Erongo-Gebirge sind ein Paradies für Geologen, Archäologen, Fotografen und Bergsteiger – das Massiv gilt als das anspruchsvollste Kletterrevier Namibias. Laut offiziellen Angaben erreichen jährlich weniger als 20 Personen den Gipfel der großen Spitzkoppe (1728 Meter). Ausgesetzte Kletterei im oberen fünften Grad (UIAA: V+) muss frei, also ohne Seil, bewältigt werden. Wer „Besteigung der Spitzkoppe“ bei Google eingibt, der landet schnell bei Absturzschlagzeilen.

Darauf weist mich auch Bennie hin. Der 20-Jährige kommt aus dem Nachbarort und verdient sich sein Lebensunterhalt als Bergführer. Am Abend vor dem geplanten Aufstieg stehen wir Schulter an Schulter unterhalb des Berges, schauen zum Gipfel empor und wägen das Für und Wider einer Besteigung ab. „Dieser Berg verzeiht keine Fehler“, sagt er mir und ergänzt: „Zu viele Menschen haben hier schon ihr Leben gelassen.“ Seine Worte gehen mir Nahe. Die technische Schwierigkeit, die trockene Luft, die hohen Temperaturen – das alles muss bedacht werden. Im Falle eines Falles wäre es ein weiter Weg bis zur Rettung. Der nächste Krankenwagen ist rund 150 Kilometer entfernt stationiert, der Hubschrauber müsste aus Windhuk kommen.

Am Fuß eines solch imposanten Berges, mit all den Rahmenbedingungen vor Augen und Zusatzinformationen im Hinterkopf, bin ich selten zum Scherzen aufgelegt. Es ist eine nüchterne Rechnung, die ich in meinem Kopf durchführe: ein Abwägen der eigenen Fähigkeiten, der Qualitäten des Guides und der Rahmenbedingungen. Ich nehme mir einige Minuten und sage dann zu Bennie: „Okay. Lass es uns versuchen. Ich denke, wir bekommen das hin.“ Handschlag drauf. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen. Treffpunkt 6.30 Uhr am Eingang des Reservates.

Die Nacht war kurz und unruhig. Dann geht es endlich los. Bennie hat seinen Onkel mitgebracht. Dicka arbeitet selber als Guide, war aber noch nie auf dem Gipfel. Wir sind ein gutes Team, verstehen uns super. Die ersten 300 Höhenmeter (von 600) meistern wir im Eiltempo. „Mit dir macht das richtig Spaß, da muss man gar nicht warten“, lacht Bennie, der 2014 einmal auf dem Gipfel war. Ich fühle mich gut, ein kleiner Ausrutscher im ersten Drittel des Weges hat zwar meine Hose zerstört und ein bisschen Haut abgeschrammt, aber ich habe Kraft und bin sehr konzentriert.

Mit jedem Meter, den wir uns emporschieben, wird es luftiger. Dann halten die beiden an. „Hier ist der Aussichtspunkt“, erklärt mir Bennie. Die meisten Kletterer würden hier umdrehen. „Der Rest ist nichts für schwache Nerven.“ Mit verschränkten Armen stehen wir am Einstieg, den Kopf im Nacken denkt sich jeder seinen Teil. „Okay, versuchen wir’s“, beschließen wir dann. Die folgenden Klettereien möchte ich gerne in der Darstellung überspringen. Wenn ich nicht in guter Verfassung gewesen wäre und nicht jahrelange Erfahrung hätte – ich wäre nicht hochgestiegen. Eine Panikattacke oder ein Ausrutscher in diesem Teil des Berges wären fatal gewesen.

Zeitsprung. Fünf Stunden nach dem Aufstiegsbeginn kommen wir wieder am Auto an. Dicka hat sich den linken Knöchel angeschlagen, ich habe einige Teile meiner obersten Hautschicht am Berg gelassen und bei Bennie ist die Hose großflächig gerissen. Müde aber zufrieden setzen wir uns unter einen Baum und starren zum Gipfel empor. Wir stoßen mit Wasser an und ich gebe eine Runde Kekse aus. Es war eine spektakuläre Aktion. Atemberaubend, hart, grenzwertig. Ich muss an einen guten Freund denken. In seinem Text über mich schrieb Christian: „Wie eine Band treffend formulierte: ‘You have to cross the line just to remember where it lays’. So ist eben Torsten!“ Ich muss schmunzeln. Er kennt mich wohl sehr gut.

 

2 Comments. Leave new

Oha…da wird mir schon bei der Vorstellung anders! Respekt junger Padawan! :-)

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Hans-Jörg und Viola
7. November 2014 7:32

Hallo Torsten, auch von uns den allergrößten Respekt ! Ich glaube zu Hause gibt es Jemanden der froh ist, das du unversehrt wieder unten angekommen bist.

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