Tempohatz im Nebelwald

Dez 19, 2015
Torsten

Es ist dunkel, die Sonne steht noch weit unterhalb des Horizontes. Vereinzelte Vogelschreie dringen durch die Nacht. Gelegentlich raschelt es. Ansonsten ist es totenstill. Hier, auf 2000 Metern Höhe, ist die Natur (fast) ungestört. Nur ein schmaler Wanderweg windet sich den Hang hinauf. Es ist eine Schneise durch das Dickicht des Nebelwaldes, kaum zu erkennen im Dunkel der Nacht.

Unvermittelt wird die Ruhe gestört. Auf dem Pfad nähert sich eine Gestalt mit schnellen Schritten. Im grellen Licht einer Stirnlampe bahnt sich der Mann seinen Weg nach oben. Er scheint es eilig zu haben. Kein Blick nach links oder rechts. Die Schweißtropfen perlen von der Stirn, präzise setzt er die Füße und ist nach wenigen Sekunden wieder aus dem Sichtfeld verschwunden. Wo kommt er her? Wo will er hin?

Wir befinden uns in der Cordillera de Talamanca. Hier, im Herzen Costas Ricas, türmen sich Gesteinsriesen empor. Es ist das Dach des Landes: Elf Berge sind höher als 3000 Meter, die höchsten überragen gar die 3800-Meter-Marke. Im Tertiär begannen die Cocos– und die karibische Platte aufeinander zu prallen. Ein Gebirge entstand. Als „Bruch- und Faltengebirge“ bezeichnen das die Geologen, Naturliebhaber sprechen von einem „Wanderparadies“. Denn auf gut markierten Wegen lässt sich das Gebiet erkunden. Vor allem der Aufstieg vom Örtchen San Gerardo aus auf den Chirripó – Costa Ricas höchstem Berg – erfreut sich großer Beliebtheit. Deswegen wurde die Zahl der Gipfelaspiranten gedeckelt. Maximal 52 Wanderer pro Tag bekommen vom Nationalpark eine Erlaubnis. Sie erwartet eine 20,5 Kilometer lange Strecke, auf der sie 2500 Meter Höhendifferenz überwinden müssen. Technisch leicht, aber konditionell anspruchsvoll.

Die Plattenbewegungen, die bis heute anhalten, falteten nicht nur ein Gebirge empor, sondern sind auch die Ursache dafür, dass sich Costa Rica in einer tektonisch hochaktiven Region befindet. Regelmäßig kommt es zu Vulkanausbrüchen und Erdbeben. Alleine im Großraum San José werden täglich rund 40 Erschütterungen registriert, die mit den Plattenbewegungen zusammenhängen. Die meisten sind so minimal, dass sie vom Menschen nicht gespürt werden. 2014 und 2012 bebte die Erde indes so heftig, dass es Verluste zu beklagen gab. Besser überwachen lassen sich die vulkanischen Aktivitäten. Der Poas (2011) und der Arenal (2010) brachen zuletzt aus, größere Schäden blieben aber aus.

Unser Wanderer ist mittlerweile auf 3400 Metern Höhe angekommen. Er hat die Baumgrenze passiert. Hier oben empfängt ihn eine andere Welt. Ein straffer Wind fegt über das Gelände und schiebt dicke Wolken mit hoher Geschwindigkeit vor sich her. Dazu hat sich die Sonne ihren Platz am Himmel erkämpft und brennt gnadenlos auf die Landschaft nieder. Nach Stunden im Nebelwald ist es eine beeindruckende aber auch erbarmungslose Umgebung, in der sich der Mann befindet. Er sieht nicht mehr so frisch aus, macht nach drei Stunden eine erste Pause. 1:44 Stunden später ist er oben. Auf dem Cerro de Ventisqueros (3812 m), Costas Ricas zweithöchstem Berg. Die Aussicht ist grandios, die Schmerzen in den Beinen sind es auch. Doch weder die lädierten Knochen, noch Orkanböen und frostige Temperaturen können den Moment schmälern. Das Gefühl eines bestiegenen Berges lässt sich nicht beschreiben, sondern nur erleben.

Der Mann, das war ich. Erst am Vorabend des Aufstieges kam mir die Idee, den Ventisqueros im Eiltempo zu besteigen. Denn auf neun Stunden gemütliche Wanderei über gut ausgebaute Wege hatte ich keine gesteigerte Lust. Also musste es etwas schneller gehen…

Informationen zum Aufstieg auf den Chirripo gibt es hier (auf Englisch): summitpost.com

 

2 Comments. Leave new

Hallo Torsten, wieder einmal ein sehr gelungener Bericht.
Danke das wir an deinen Abenteuern, oftmals fernab des Tourismus und der Zivilation, teilhaben können.

Liebe Grüße aus der Heimat

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Danke, liebe Manuela.
Ich freue mich über dein Interesse und werde mir auch in Zukunft Mühe geben, dass es nicht langweilig wird… Muchos saludos!

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