Bis auf den letzten Tropfen

Nov 23, 2014
Torsten

Die Erkenntnis kam ohne Vorwarnung. „Martin, wir haben nicht genug Benzin“,  sagte ich und starrte auf die Anzeige des Bordcomputers. „Reichweite 70“, blinkte dort rot auf schwarz. Zu wenig. Denn der Blick auf die Landkarte verriet, dass uns 102 Kilometer von der nächsten Tankstelle trennten.

Das war uns noch nie passiert. Bisher hatten wir immer, auf all unseren Reisen, genug Treibstoff an Bord. Doch diesmal ging unsere Rechnung nicht auf. Viele Höhenmeter, unbefestige Straßen und ein Navigationsfehler machten unsere Kalkulation zu Nichte. Mit gemischten Gefühlen traten wir den Weg zur nächstgelegenen Farm an. Es war ein Glücktreffer, wie sich bald herausstellen sollte.

Seit 28 Jahren verheiratet, seit 18 Jahren Farmbesitzer: Jan Petus und Hester.

Seit 28 Jahren verheiratet, seit 18 Jahren Farmbesitzer: Jan Petrus und Hester.

„Das ursprüngliche Afrika erlebt man nur abseits der geteerten Straßen“, sagte mir Hester, die zusammen mit ihrem Mann Jan Petrus die Ganora-Farm betreibt. Ihre Aussage und die herzliche Begrüßung werden mir in Erinnerung bleiben. Ebenso die Tatsache, dass wir uns – trotz des leeren Tanks und der damit verbundenen Unsicherheit – selten so wohl gefühlt haben. Drei Nächte verbrachten wir auf der Farm, lernten interessante Dinge über das Leben in Südafrika und die Natur. So erfuhren wir etwa, dass die Kapkobra zu den gefährlichsten Schlangen der Region gehört und Paviane regelmäßig Jagd auf Schafe machen. Die Antwort der Farmer ist die Schrotflinte.

Auf 4000 Hektar halten Hester und Jan Petrus etwa 2500 Schafe. Der Tourismus hat sich über die Jahre zu einem weiteren Standbein entwickelt. Aus gutem Grund, denn es ist schwierig, allein von der Landwirtschaft zu leben. „Seitdem Farmer nicht mehr subventioniert werden, verkaufen immer mehr Bauern ihre Flächen.“ Von den einst mehr als 20 Farmen im Nieu-Bethesda-Gebiet seien nur noch drei übrig. Ein landesweiter Trend, der Südafrika ins Mark trifft. Viele Lebensmittel müssen (mittlerweile) zu hohen Preisen importiert werden und die Regierung steuert dem Prozess nicht ausreichend entgegen. „Die denken wenig realistisch und sind oft nur auf Stimmenfang für die nächste Wahl.“

Trotz aller Herausforderungen und Sorgen, denen sich die Farmer häufig stellen müssen, haben mich diese Menschen mit ihrem hohen Maß an Demut, Bodenständigkeit und Dankbarkeit sehr beeindruckt. Besonders intensiv waren die Eindrücke auf den abgelegenen Gehöften. Nicht nur in Südafrika. „Wer täglich mit den Launen der Natur konfrontiert ist, der weiß die scheinbar selbstverständlichen Begebenheiten des Alltags stärker zu schätzen. Außerdem hilft einem die große Entfernung zur nächsten Stadt dabei, manche Dinge mit mehr Abstand zu sehen“, versuchte mir Thorsten, der zusammen mit Linn die Namtib-Farm in Namibia bewirtschaftet, zu erklären.

Breit grinsend befreiten uns zwei Dorfbewohner aus unserer Misere.

Breit grinsend befreiten uns zwei Dorfbewohner aus unserer Misere.

Die Tatsache, auf einer afrikanischen Farm einen Stromausfall zu erleben und nebenan ein Auto mit leerem Tank stehen zu haben, machte mir klar, wie sehr wir „Bewohner der westlichen Welt“ oft unter Strom stehen. Martin und ich fühlten uns regelrecht ausgebremst und es dauerte einige Zeit, bis wir die schöne Seite des vermeintlichen Debakels erkannten. Bis tief in die Nacht saßen wir zusammen, betrachteten den Sternenhimmel und lauschten den Geräuschen der Natur. Vergessen waren der leere Tank und das fehlende Internet.

Stichwort Tank. Dieser ist mittlerweile um zehn Liter voller. Über drei Ecken lernten wir jemanden kennen, der Benzin aus der nächstgelegenen Stadt mitbrachte. Nun zeigt unser Bordcomputer eine Reichweite von 153 Kilometern an. Das sollte reichen. Oder? …

Anmerkung: Durch einen Stromausfall und eine (zu) schlechte Internetverbindung konnte ich diesen Text nicht wie geplant am Sonnabend veröffentlichen. Mittlerweile können wir berichten, dass die Tankfüllung bis zur nächsten Zapfsäule gereicht hat.

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