An Bord des Indian Pacific

Dez 27, 2014
Torsten

Gemächlich ruckelte der Zug durch die Weiten Australiens. In vier Tagen durchquerte er den Kontinent von Westen nach Osten, fuhr von Perth über Adelaide nach Sydney. Diese Reise, vom Indischen zum Pazifischen Ozean, wird mir in besonderer Erinnerung bleiben. Noch nie habe ich soviel Zeit in einem Zug verbracht und noch nie habe ich in vier Tagen mit so vielen Personen gesprochen.

Begeben wir uns gemeinsam auf diese Reise und erleben die 4352 Kilometer lange Fahrt aus der Sicht…

… des Lokführers

Mit überraschend wenigen Knöpfen und Hebeln kontrolliert er den bis zu 690 Meter langen Zug, der mehr als 1000 Tonnen wiegt. „Zum Führen einer solchen Bahn ist eine spezielle Lizenz notwendig“, erklärt mir Tobj, der sich als „Eisenbahner aus Leidenschaft“ bezeichnet und der neben dem Indian Pacific auch Güterzüge steuert. „Langweilig wird es nie, auch wenn es oft stundenlang geradeaus geht.“ Es gebe immer etwas in der Landschaft zu entdecken, dazu könne man sich mit dem Kollegen unterhalten, denn auf den langen Strecken ist das Cockpit doppelt besetzt. „Vier Augen sehen mehr als zwei“, sagt Tobj und führt aus: „Schnell anhalten geht nicht. Für eine Vollbremsung brauchen wir mindestens 500 Meter.“ Bei Tieren auf der Schiene, etwa Kühen, Schafen oder Kängurus, bliebe nur das Signalhorn. Wenn das nicht hilft, gelte die Devise: „Augen zu und durch“.

… des Bordtechnikers

Mit zügigen Schritten schreitet Jeff durch den Zug. Vor einem Schaltkasten bleibt er stehen, öffnet diesen und runzelt die Stirn. „Das Problem kenne ich“, murmelt er und macht sich an die Arbeit. 20 Minuten später, nach erfolgreicher Reparatur, setzt er sich zu mir ins Abteil und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Als Bordtechniker stehst du 24 Stunden am Tag auf Abruf.“ Mit Ausnahme der Lokomotive fallen alle technischen Belange in seinen Aufgabenbereich – von den Bremsen bis zum Toilettenabfluss. „Im Sommer und in voll belegten Zügen habe ich besonders viel Arbeit, speziell mit den Klimaanlagen“, sagt Jeff, der seit 39 Jahren als Bordmechaniker arbeitet und Elektrotechnik studiert hat. „Der Reiz liegt in der Vielfältigkeit der Aufgaben.“ Mit einem begrenzten Ersatzteillager gelte es, diverse Probleme zu lösen. Kreativität ist gefragt.

… des Kochs

Die Küchenmannschaft hat einen der härtesten Jobs an Bord, auf jeden Fall den Wärmsten. Keine 15 Minuten hielt ich mich zum Fotografieren in der Küche auf – und der Schweiß lief in Strömen. „An harten Tagen bereiten wir rund 100 Mahlzeiten in einer Schicht zu“, erklärte mir Chefkoch James. An Bord gibt es zwei Küchen, insgesamt kümmern sich vier Köche um die Versorgung der Gäste. Frühstück, Mittag und Abendbrot – der Tag des Teams beginnt um 6 Uhr morgens und endet selten vor 22 Uhr am Abend. Knochenarbeit auf rund zehn Quadtratmetern, denn größer ist die Küche nicht. James: „Man muss es mögen, dieser Job ist nichts für Jedermann.“

… des Zug-Managers

Alles hört auf sein Kommando. Beim Zug-Manager laufen sämtliche Fäden zusammen. Er kann Gäste aus dem Zug bitten und einen Zwangsstopp in die Wege leiten. Er ist darüber hinaus für die Bordansagen verantwortlich und trifft wichtige Entscheidungen, etwa, ob bei einem medizinischen Notfall ein Arzt geholt werden muss. „Zug-Manager zu sein heißt, Verantwortung zu übernehmen und Probleme zu lösen“, gab Linley zu Protokoll. Der 53-Jährige absolvierte eine militärische Ausbildung und wechselte dann zur Bahn. Zwölf Jahre ist das her. Seitdem hat er unterschiedlichste Stationen an Bord absolviert und sich für den Posten des Managers qualifiziert. „Diesen Job bekommst du nicht über Nacht“, erklärt er mir. Es sei eine Mischung aus Motivationstraining, Teambildung und (Krisen)Management. Genau wie der Bordmechaniker steht der Zug-Manager rund um die Uhr auf Abruf. „Es sind kuriose Geschichten, die man erlebt.“ Einmal hätten Reisende ein Wimmern gehört. Der Manager stoppte den Zug und ging der Sache auf den Grund. Völlig unterkühlt wurde ein Schwarzfahrer aus seiner misslichen Lage befreit. „Das sind allerdings die Ausnahmen“, sagte Linley und schmunzelte. Normalerweise liefe es an Bord ruhig ab. „An meinem Beruf liebe ich die Vielseitigkeit und die Chance, während der Fahrt mit interessanten Menschen ins Gespräch zu kommen.“

… der Reisenden

Von all den Abläufen im Hintergrund bekommen die Gäste nur wenig mit. Auf ihrer Fahrt werden sie umsorgt und mit gutem Essen verwöhnt. „Wir sind schon zwölf Mal mit dem Zug gefahren“, erzählen mir Loana (74) und Tony (77) aus Perth. Es sei eine angenehme Art zu reisen und es gebe immer etwas Spannendes zu sehen.

Der Gesamteindruck der Reise hängt durchaus von der Buchungsklasse ab. Während die Reisenden der Gold- und Platinklasse alle Mahlzeiten inklusive haben und auf Betten schlafen, müssen sich die Gäste der einfachsten Buchungsklasse (Red Kangaroo) ihr Essen selber mitbringen und auf Ruhesesseln nächtigen.

In den vier Reisetagen habe ich Gespräche mit verschiedensten Menschen – vom Börsenmillionär, bis zum Backpacker – geführt. Diese Begegnungen werden mir in besonderer Erinnerung bleiben und würden Stoff für einen weiteren Beitrag liefern.

Für mich war die Fahrt mit dem Indian Pacific eine interessante Erfahrung. Längst ist nicht alles gesagt, was ich an Bord erlebt habe. Lasst euch überraschen, was ich später noch zu berichten habe.


Ein großer Dank gilt der Eisenbahngesellschaft Great Southern Rail, die mir eine Freifahrt zur Verfügung gestellt haben und mich hinter die Kulissen haben blicken lassen.

great-souther-rail-logo

5 Comments. Leave new

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jürgen höpfner
27. Dezember 2014 14:31

Hallo Torsten
Fröhliche Weihnachten und ein gesundes neues Jahr (fern der Heimat und der Familie) wünscht dir
Höppi
PS. Die Reise mit dem INDIAN PACIFIC hätte ich auch sehr gerne gemacht. Muss spannend gewesen sein.
Viel Glück bei deiner weteren Reise und eine schlangenfreie Zeit in Australien.

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Hans-Jörg u. Viola
27. Dezember 2014 15:09

Klingt total spannend. Freuen uns darauf mehr davon zu lesen.
Liebe Grüße aus dem jetzt auch verschneiten Oranienburg !!

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Hast du all die Leute vom Bordpersonal angesprochen? Oder hast du dich “angemeldet”? Macht man ja normalerweise als Reisender nicht, ständig Leute anzusprechen. :-)

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Hallo Robert! Ich stand schon seit März 2014 mit der Bahngesellschaft in Kontakt und habe alle Interviewgenehmigungen im Vorfeld eingeholt…

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Nun ja, bei mir brauchtest Du keine Genemigung. Habe Dich spontan im Führerstand meiner Bahn mitgenommen. Jetzt hast Du einen Vergleich. Fest steht schon mal, dass ich mehr Bedienelemente habe. Gesundes neues Jahr.
Lg Daniel

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