Nach drei Schritten hatte ich eine erste Vorahnung, nach drei Minuten perlte der Schweiß, nach drei Kilometern hatte ich die Nase voll. Laufen auf tiefem losen Sand gleicht einem unkoordinierten Herumtorkeln und fordert Muskeln und Geist gleichermaßen: Jedem Aufwärtsschritt folgt ein Zurückrutschen um die halbe Distanz. Es schien, als wollte mir die Wüste sagen: „Komm schon, das Foto musst du dir verdienen. Also streng dich gefälligst an!“ Das tat ich dann auch. Im Schweiße meines Angesichts erreichte ich den Dünenkamm knapp 40 Minuten vor Sonnenuntergang. Als ich oben angekommen war, fegte der straffe Wind alle Schmerzen und Zweifel aus meinem Körper. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchten die Namib in unwirkliche gelblich bis rötliche Farbtöne. Es war zu schön, um es zu fotografieren. Ich setzte mich auf den Kamm, stellte den Rucksack neben mich und lauschte den Geräuschen des Windes. Mein Blick verlor sich in den Weiten der Dünenketten, meine Gedanken gingen weite Wege – vom Zwischenfazit der vergangenen Wochen, bis hin zu allgemeinen Betrachtungen des Lebens.

"Baumfriedhof" inmitten der Wüstenlandschaft,

„Baumfriedhof“ inmitten der Wüstenlandschaft.

Tatsächlich ist die Namibwüste ein zentraler Bestandteil Namibias. Und das nicht nur, weil sie dem Staat seinen Namen gibt. Vielmehr ist sie Sinnbild dieses Landes, das sich im südlichen Teil Afrikas an den Atlantik schmiegt. Die Namib gilt als die älteste Wüste der Welt. Das macht deutlich, dass ausgeprägte Trockenheit in diesem Teil des Planeten schon lange dazugehört – große Teile der namibischen Staatsfläche sind von Wüsten und Halbwüsten bedeckt. Die Wasserversorgung ist keineswegs so selbstverständlich, wie das etwa in Deutschland der Fall ist. Vielerorts hat das kostbare Nass den gleichen finanziellen Wert wie Benzin. Oft muss es in hunderte Kilometer langen Rohrsystemen in die (trink)wasserlosen Gebiete gepumpt werden. Besonders prekär ist die Situation für Farmer, speziell im Süden Namibias. „Wir müssen auf eigenes Risiko Bohrlöcher anlegen. Jeder Meter Bohrung kostet etliche Dollar – es ist eine riskante Großinvestition“, erklärt mir Thorsten. Der 41-Jährige betreibt die Namtib-Farm im südlichen Tirasgebirge, nur wenige Kilometer östlich der Namib. Das Trinkwasserbohrloch auf dem Gelände ist 120 Meter tief und bildet die Lebensgrundlage der Farm. „Ich kann nicht verstehen, wie man in dieser Lage daran denken kann, einen Pool zu bauen“, sagt Thorsten, an dessen Farm ein Beherbergungsbetrieb angeschlossen ist. Ein Schwimmbecken würde Thorsten, dessen Eltern nach Namibia auswanderten, niemals anlegen. Und das, obwohl die Nachfrage seitens der Touristen durchaus da ist. Aber: „Ein Pool vor der Toren der Wüste ist absurd. Es ist ja nicht so, dass wir zuviel Wasser hätten.“

Der Umgang mit Wasser ist eine der Schlüsselfragen im Bezug auf Namibias Zukunft. Die Einheimischen haben seit Jahrhunderten gelernt, mit dem wenigen Wasser auszukommen. Sie schätzen es und sind (meist) vorsichtig im Umgang mit den Ressourcen. Bleibt die Frage, welche Rolle der Tourismussektor (zukünftig) einnimmt. Dieser Wirtschaftszweig hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer wichtigen Einnahmequelle entwickelt und wächst beständig. Allerdings: Touristen sind durstig. Wenn die Lodges nicht verantwortungsvoll mit den Ressourcen umgehen, dann sind Probleme vorprogrammiert. Die oft Jahrhunderte alten Wasserreserven, die sich in den Tiefen des Gesteins verborgen halten, sind nicht endlos verfügbar. Es reicht nicht bis morgen zu denken, es muss bis übermorgen gedacht werden. Das betrifft auch die Touristen. Muss es wirklich sein, jeden Tag 20 Minuten zu duschen, obwohl gerade Trockenzeit herrscht und die Bevölkerung kaum Wasser hat? Leider habe ich mehrfach erlebt, dass die Besucher des Landes zu leichtfertig mit der Problematik umgehen.

Wäre nicht eine kleine Ameise auf meine Schulter gekrabbelt – ich hätte den Sonnenuntergang wohl verpasst. Doch so erwachte ich gerade rechtzeitig aus meinen Tagträumen und ging auf die „Jagd“ nach Fotos. Der Aufwand, weit in die Landschaft hineinzulaufen, hat sich gelohnt: Keine anderen Menschen verirrten sich in diesen Bereich.

Das letzte Tageslicht färbte die Dünen rot und gelb.

Der Rückweg ging dann schnell. Allerdings hatte ich am Abend noch eine ganze Weile mit den Nachwirkungen meiner Dünenwanderung zu tun: Mindestens eine Stunde lang war ich damit beschäftigt, mich zu entsanden…

(Weitere Fotos folgen am kommenden Wochenende.)

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